Steter Kampf gegen den Termin-Terror

Kamen/Berlin. Es kann kein alltäglicher Job sein, wenn man sich schon morgens früh um sieben Uhr dreißig mit der Frage herumschlagen muss, ob Speedboat-Veranstaltungen zum Schutz von Schweinswalen verboten werden sollten.

Oliver Kaczmarek hat keine Wahl. Als Mitglied des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages – in Insiderkreisen auch Ausschuss für Frühaufsteher genannt – muss er’s nehmen, wie’s kommt. Gleich nach dem Frühstück also die Wale…

Das war vergangenen Mittwoch während der Sitzungswoche in Berlin. Ein Mittwoch wie viele für den SPD-Bundestagsabgeordneten aus Kamen – vor allem arbeitsreich. Nach den Walen geht’s gleich weiter in den Umweltausschuss. Verlängerung der AKW-Laufzeiten und die sogenannten Geheimverträge der Regierung mit den Großkonzernen. Kurz darauf Fragestunde im Bundestag mit den zuständigen Ministern Röttgen und Brüderle. Der Bundestags-Neuling sitzt in der zweiten Abgeordnetenreihe, wälzt Akten und folgt der Befragung der Minister mal stirnrunzelnd, Kopf schüttelnd oder amüsiert, wenn die sich winden bei den Fragen der Opposition.

Nach der Mittagspause Themenwechsel: Hartz IV steht auf der Tagesordnung. Dazu gibt’s eine aktuelle Stunde im Bundestag. An der Erhöhung der Regelsätze um 5 Euro entzündet sich eine leidenschaftliche Debatte, bei der Oliver Kaczmarek allerdings nur Zuhörer ist. Wer redet, das haben die Fraktionen vorher festgelegt. Der Bundestagsabgeordnete aus Kamen nutzt die Zeit, um Akten zu lesen.

Aufpassen, dass man nicht zu sehr im
eigenen Saft schmort

Apropos Akten: In seinem Büro türmen sich Berge davon. „Vieles wird vorher von meinen Mitarbeitern gesichtet und vorsortiert, aber dennoch bleibt viel zu lesen.“ So viel, dass Kaczmarek abends auch schon mal bis neun in seinem Büro sitzt. Und so vergehen in den Sitzungswochen die Tage von morgens früh bis spät in den Abend. „Man muss schon aufpassen, dass man nicht zu sehr im eigenen Saft schmort und nichts mehr von der Welt mitbekommt“, meint Yeliz Bercht, Kaczmareks Büroleiterin. Ihr Chef räumt ein, dass er in seinem ersten Jahr als Abgeordneter mehr Sklave als Herr des eigenen Terminkalenders war. Unverblümt spricht er von „Terminterror“. Es bleibe „oft zu wenig Zeit, die Dinge konzentriert abzuarbeiten“.

Inzwischen hat er gelernt, sich Freiräume zu erkämpfen. Dazu gehört auch, obwohl ebenfalls hochpolitisch, ein abendlicher Besuch im Willy-Brandt-Haus, wo Ex-Finanzminister Peer Steinbrück sein neues Buch vorstellt, und dabei auch kritisch mit der eigenen Partei und dem politischen Establishment ins Gericht geht. Erst als die Zuhörer nach einer höchst unterhaltsamen Stunde in die Fragerunde einsteigen, winkt Kaczmarek zum Aufbruch, weil sich „der Erkenntnisgewinn jetzt in überschaubaren Grenzen hält“.

Beim Italiener um die Ecke lässt er die Politik an diesem Tag endgültig hinter sich. Als Schalke-Fan kreisen seine Gedanken um das Champions League-Spiel gegen Lissabon. Der Tag endet mit einem 2:0 für die Schalker – und Kaczmarek ist zufrieden.

Drei Tage lang haben wir Oliver Kaczmarek bei seiner Arbeit in Berlin begleitet. Er ist das, was man einen Hinterbänkler nennt. In der (Fernseh-)Öffentlichkeit mögen andere Gesichter die Politik in Berlin prägen. Oliver Kaczmarek ist davon noch ein gutes Stück entfernt. Doch er bringt alles mit, um es eines Tages ins Rampenlicht zu schaffen: Fleiß, Beharrlichkeit und Begeisterungsfähigkeit gehören schon heute dazu. Ob er sich zu Höherem berufen fühlt? Kaczmarek lässt sich nicht aufs Glatteis locken. Dann rutscht ihm aber doch noch eine Bemerkung heraus: „Berlin ist einfach geil!“