Immer mehr Familien in Not

Kamen. Mehr als 600 Familien aus Kamen und Bergkamen brauchten im laufenden Jahr Hilfe in Erziehungsfragen, in 47 Fällen mussten Kamener Kinder außerhalb der Familie untergebracht werden, in vielen anderen Fällen gab es ambulante Unterstützung. Die Finanzmittel dafür gab der Jugendhilfeausschuss gestern einstimmig frei, aber nicht ohne deutliche Kritik an Eltern in der Stadt.

Alexandra Möller, Ratsvertreterin der Grünen, Erzieherin von Beruf und zugleich Mutter, formulierte das deutlich. „Verantwortungslosigkeit“ wirft sie Eltern vor, nimmt aber auch die Gesellschaft in die Pflicht. Soziale Not stehe oft dahinter. Möller: „Die Fallzahlen sind ein Zeichen für soziale Schieflage in der Gesellschaft.“

1997 betreute die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien 427 Familien. 2005 waren es schon 600, 2009 dann 640.

Trennungen spielen oft eine Rolle

Auch 2010 werden es klar über 600 s
ein. Schwierige Familienstrukturen haben großen Anteil am Unterstützungsbedarf. Fast 50 Prozent der Fälle betreffen Alleinerziehende oder nach Trennung neu gebildete Familien.

Dass Beratungsstelle und Jugendamt im Bemühen um Problemfälle gute Arbeit leisten, davon sind alle Fraktionen im Jugendhilfeausschuss überzeugt. Auch gutachterlich werden die Angebotsstrukturen gelobt. Mit Leistungen des Fördervereins Jugendhilfe, ambulanten Hilfen des Jugendamtes und Angeboten der Beratungsstelle besteht ein umfassendes Instrumentarium auf unterschiedlichsten Stufen. Gruppenangebote für Trennungskinder oder Kinder mit Auffälligkeiten gehören dazu. Bevor eine Fremdunterbringung realisiert wird, gebe es meist bis zu zweijährigen Vorlauf, so Fachbereichsleiter Klaus Güldenhaupt. Nicht immer sei Fremdunterbringung abwendbar.

Auffällig aber: Kinder in solchen Unterberingungen werden immer jünger. „Es kann doch nicht sein, dass die womöglich zehn oder mehr Jahre in Heimen verbringen“, so Güldenhaupt. Man müsse die Elternarbeit daher eher noch intensivieren. Franz-Josef Kanz weiß, dass es dabei gilt, früh anzusetzen. Je später Maßnahmen ansetzen, desto länger dauere es, Probleme zu lösen, desto häufiger bleibe ein Erfolg aus.

Auch wenn die Kosten der Jugendhilfe die Stadt immer mehr drücken: Dem um 1,6 Millionen Euro gestiegenen Haushaltsansatz für 2011 stimmte der Ausschuss einstimmig zu. Ausweitungen etwa durch neue Pläne der Familienbande begrüßt für die SPD Annette Mann. Für die Linke unterstreicht Gabi Lenkenhoff, dass auf diesem Feld keine Strukturen weggespart werden dürfen. Es bleibe keine Alternative. Alexandra Möller: „Wir tragen die Kosten mit, weil es nicht anders geht.“