Ein unbekannter Leckerbissen

Kamen. Nun ist wieder Schluss mit der Konservenkost aus dem heimischen Platten- und CD-Regal. Zum Auftakt der neuen Konzertsaison servierte die Neue Philharmonie Westfalen in der Kamener Konzertaula musikalische Feinkost, wie man sie sich frischer und appetitlicher nicht wünschen kann.

Die Zutaten kamen diesmal allesamt aus Russland. Rachmaninow, Tschaikowsky und – da bleiben sich die Philharmoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster auch in der neuen Spielzeit treu – ein unbekannter Leckerbissen: Mili Balakirews orientalische Fantasie „Islamey“.

Entschärfte Orchesterfassung

Balakirew hatte seine orientalische Fantasie auf einer Reise in den Nordkaukasus als Klavierstück komponiert und dermaßen mit Schwierigkeiten gespickt, dass es dem Anekdotenschatz nach dem Urheber selbst nicht gelang, sie dem Publikum unfallfrei zu Gehör zu bringen. Rund 30 Jahre später entschärfte Sergej Liapunow das Werk, in dem er das Klavierstück zu einer gelungenen und als schwungvoll nur unzureichend beschriebenen Orchesterfassung verarbeitete, die die Neue Philharmonie als Eröffnungsstück in Kamen zu Gehör brachte.

Somit waren die Zuhörer bereits auf Betriebstemperatur, als der vorweg genommene Höhepunkt des Abends anstand: Sergej Rachmaninows Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 in d-Moll. Aufgrund seiner technischen Schwierigkeiten fühlen sich besonders die Fingerakrobaten unter den Klaviervirtuosen herausgefordert, diese Komposition mit ihren schnellen Läufen und anspruchsvollen Akzentuierungen zu präsentieren. Nicht allzu oft bleibt dabei allerdings die Seele, der Ausdruck dieses Werkes auf der Strecke. Nicht so jedoch an diesem Abend.

Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster darf für sich in Anspruch nehmen, mit dem erst 23 Jahre alten Joseph Moog als Solist des Abends einen neuen Stern am Klavierhimmel präsentiert zu haben. In den Proben muss es offensichtlich bereits zwischen Dirigent, Orchester und Solist gefunkt haben. Selten erlebt man soviel gegenseitige Aufmerksamkeit im Zusammenspiel von Solist und Orchester.

So entwickelt sich vollendeter Hörgenuss, und dies empfanden auch die Zuhörer, die sich nach dem Schlussakkord zu stehenden Ovationen erhoben und nach einer Zugabe verlangten. Diese erklang mit Franz Liszts Klavierstück „Die Glocken von Genf“, einer kleinen, aber feinen Komposition, die Liszt zur Geburt seines ersten Kindes Blanche im Dezember 1835 notierte.

Mit Peter Tschaikowskys 4. Symphonie in f-Moll setzte das Orchester nahtlos dort an, wo es vor der Pause aufgehört hatte. Auffallend lang hielt Heiko Mathias Förster am Pult zum Auftakt inne, steigerte das Orchester so zu einer geschlossenen Konzentration, die bis zum Finale des 4. Satzes nicht mehr nachlassen sollte. Wohlwissend, dass sich gerade bei populären und häufiger gespielten Orchesterwerken gerne eine lässige Routine breit macht.

Nicht so an diesem Abend. Die Hörner- und Trompeten-Fanfaren zum Einstieg in den ersten Satz erklangen wuchtig und markig, wie man es sich klarer nicht wünschen könnte.

Eine neckische Einlage enthält der 3. Satz. Mit einer ausgiebigen Pizzikato-Einlage formt Tschaikowsky aus den Streichern ein fulminantes Zupforchester. Erst nach und nach stoßen die Holzbläser, die Pauke und die anderen Orchestergruppen hinzu. Dies alles mit einer Spielfreude, die förmlich spürbar wird. Diese Freude entlädt sich in einem furiosen Tutti-Finale von Wagnerscher Dimension.

Und spätestens da hielt es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen. Stehende Ovationen beschließen einen mitreißenden Konzertabend, der Vorfreude auf die kommenden weckt.