Auf den Spuren des Großvaters

Heeren-Werve. Kennen gelernt habe ich ihn nie. Als mein Großvater eines Tages nicht mehr von der Schicht auf der Zeche Königsborn 2/5 nach Hause kam, war ich noch gar nicht geboren. Es gibt nur noch alte Fotos, Erzählungen und die große Trauer. Wenn ich jetzt seinen Namen und Todestag unter der Rubrik „verunglückt“ als Randnotiz unter dem Jahr 1964 in der Chronik im alten Pförtnerhaus sehe, kommen mir trotzdem die Tränen.

Meine Mutter schafft es auch 48 Jahre später nicht, hierher in die kleine Ausstellung zum Jubiläum der Zeche zu kommen und einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Hier, wo mir Arschleder, Grubenlampen, uralte Atemgeräte und selbst gebaute Modelle der Schächte einen eigentümlichen Schauer über die Haut jagen, hat sie am Tag nach dem Unglück die Kleidung ihres Vaters abholen müssen, als der aufgebahrt nebenan lag. Der Bergbau prägt auch 125 Jahre nach der Schachtteufe und 45 Jahre nach der Zechenschließung Menschen und Schicksale in Heeren-Werve – positiv wie negativ.

Der Bergbau hat alle beeinflusst

„Viele gingen gern zur Zeche“, eröffnet Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Stoltefuß gerade die Jubiläums-Klönrunde im Alten Pförtnerhaus. „Der Bergbau sorgte für ein Zuhause, einen großen Garten – dafür, dass finanziell alles geregelt war.“ Die gut 40 Gäste nicken zustimmend. Auch ein Mann, der seinen alten Bergbauhelm auf dem Kopf trägt und die Bergmannskluft angezogen hat.

Gerhard Woiters sitzt vor ihm und schüttelt nachdenklich den Kopf. Er hat das 1945 anders empfunden. Er war von den Engländern dienstverpflichtet worden. Aus Eckernförde kam er in den Saal Jürgens zusammen mit anderen Junggesellen für 3,10 Mark pro Schlepper-Schicht. „Ich wunderte mich die ersten Abende, warum alle ständig mit den Fingern etwas knackten.“ Schon wenig später knackte er selbst mit – die Wanzen, die in den Matratzen saßen. In seiner ersten Schicht musste er in die vierte Sohle hinaufklettern. „Das war so schlimm, dass ich das nie wieder wollte“, erzählt er. Er blieb trotzdem. „Es blieb mir ja nichts anderes übrig“ – sogar Steiger ist er später geworden.

Von einer heimlich gezimmerten Tischtennisplatte erzählen die ehemaligen Bergleute jetzt. Die wurde mit Karten getarnt und als Markscheidertisch hinausgeschmuggelt. Von geklauten Pegeln und heftig schrumpfenden Gezähebeständen bei akuten Neubauvorhaben ist schmunzelnd die Rede. Auch von den Frauen, die an Lohntagen Schlange standen, damit der auch zuhause ankommt. Immerhin 32 Kneipen gab es damals in Heeren: „Frühstück gab es bei Tengelmann, zum Feierabend ging es zu Gerti Funke oder zu Klostermann und in die Schmiede“, erinnert sich Johann Kampmeyer mit über 90 Jahren. Er bekam 1935 eine Reichsmark für die Schicht.

Zentrale Lieferungen für Einkellerungskartoffeln sind jetzt das Thema. Von Grubenpferden, die genau wussten, wenn ein Waggon zu viel angekoppelt war und jeden Dienst verweigerten. Vom Lagerleiter der kriegsgefangenen Russen, der die Rationen einfach an seine Schweine verfütterte. Von Butterbroten, die von den Bergleuten zusätzlich für die Hungernden mitgenommen wurden – und von „Kniften“, die es im Gegenzug als selbstgebautes Drahtspielzeug zurück gab. Vom Tanzenlernen in der Kneipe Flora erzählt sich die Runde und von Massenuntersuchungen in Rekordgeschwindigkeit bei Dr. Lapp.

Ob mein Großvater all das auch erlebt hat? Erzählen konnte er es mir nie…
Von Katja Burgemeister